Kennen wir uns?

In den letzten beiden Tagen wurden im Rahmen einer Ausstellung Fotos von mir gezeigt. Genauer gesagt Selfies, die ich über den Zeitraum von etwas mehr als einem Jahr von mir gemacht hatte. Absichtsvoll in allen möglichen und unmöglichen Situationen, Stimmungen, Gefühlen, aber weitestgehend am gleichen Ort, in meiner Küche. Man sieht mich darauf unverstellt und ungespielt lachen, lächeln, weinen, grinsen, feixen… was man sich nur so vorstellen kann. Der Titel der Arbeit ist „100 Ego States“ und bezieht sich auf die Tatsache, dass wir Menschen verschiedene Persönlichkeitsanteile haben. Bei manchen sind diese gut integriert zu einer kohärenten Gesamtpersönlichkeit, bei anderen Menschen sind diese Anteile weniger integriert, dissoziiert, vielleicht sogar abgespalten… Es gibt hier ein Kontinuum, auf dem ich mich irgendwo in der Mitte verorten würde. 

Frappierend war für mich, dass die Person, die den größten Teil des Jahres, in dem ich die Aufnahmen machte, mit mir verbracht hat, nach der Betrachtung meinte, er hätte mich auf einigen Bildern quasi nicht erkannt. Das brachte mich zum Nachdenken und ich guckte mir daraufhin die Fotos nochmal mit einem neuen Blick an und dachte: ja, da sind Gefühlslagen dabei, da war oder bin ich darauf bedacht, dass niemand die mitbekommt. Es gibt Stimmungen oder Zustände bei mir, da möchte ich alleine sein, da will ich niemanden um mich haben, da brauche ich meinen Raum für mich und sei es nur für ein paar Stunden. Das hat viel damit zu tun, dass ich mich in diesen Zuständen für eine Zumutung für andere halte, aber auch damit, dass ich mich nicht zusammen reißen möchte, wenn es mir richtig dreckig geht oder ich so richtig, pardon, angepisst bin. Oder wenn ich Selbstfürsorge betreibe oder einfach nur vor mich hin stieren will… 

Diese Erkenntnis wiederum bringt mich zur Frage: wie gut kennen wir uns in Beziehungen, in einer Partnerschaft, in einer Freundschaft? Unwillkürlich muss ich daran denken, dass ich im vergangenen Dreivierteljahr von drei mir sehr nahen Menschen extrem überrascht wurde. Leider nicht im Positiven. Plötzlich waren sie weg und es war nicht vorhersehbar. Vielleicht haben wir alle die Anlage in uns, wie der Mann in dem Lied, der Zigaretten holen geht und einfach nicht mehr wieder kommt. (Wobei ich immerhin über das Ende der jeweiligen Beziehung informiert wurde.) 

Wie gut kennen wir uns also? Ich merke, die Frage kann man nicht so pauschal beantworten, es kommt auf mehrere Faktoren an… ich habe zum Beispiel auch eine Freundin, der ich sehr viel über mein Innenleben erzähle und die aber kaum was über ihrs erzählt. Ich würde sagen, sie kennt mich ziemlich gut und ich sie nicht so gut. Gleichzeitig kann ich mir nicht vorstellen, jemals von ihr so überrumpelt zu werden, wie von anderen. Puuuhhh, es ist komplex. 

Mein Verdacht ist, wir kennen niemanden wirklich in Gänze und jeder Mensch hat verborgene Ecken und Winkel in sich, die er oder sie vielleicht nichtmal selber kennt. Ich glaube auch, dass wir uns umso besser öffnen können und uns zeigen können, je integrierter wir sind und je mehr wir mit uns selbst im Reinen sind und uns selber annehmen. Ich glaube nicht, dass gut kennen etwas mit räumlicher Entfernung oder der Häufigkeit des Sehens zu tun hat. Ich glaube hingegen, dass es gut und gesund ist, dass man Bereiche in sich nur für sich hat, auch wenn in einer innigen Partnerschaft diese vielleicht mal angetippt werden oder hervorlugen… es gibt ja diese sehr intimen Momente, in denen man das Gefühl hat, der andere erkennt einen vollkommen… das ist wunderschön, aber sicherlich auch nur eine Momentaufnahme… wir verändern uns ja auch und manchmal führt eine Veränderung im Innen oder Außen eben auch dazu, dass man überrascht wird.

Was das überraschende Verhalten oder das Beenden einer Bindung – freundschaftlich oder partnerschaftlich – angeht, bin ich der Ansicht, dass das viel mit dem Bindungsstil einer Person zu tun hat. Also damit, ob jemand sicher oder unsicher gebunden ist und wieviel Vertrauen jemand in eine sichere, stabile Bindung investieren kann. Aber auch das Erkennen, Annehmen und der regulierte Umgang mit den eigenen Gefühlen spielen hier eine große Rolle. Gelingt das nicht, passieren plötzliche Abbrüche und abrupte Perspektivwechsel, die scheinbar nichts mit der vorherigen, tiefen Verbindung zu tun haben. Ich schreibe scheinbar, weil es je nach Konstellation da natürlich Zusammenhänge und Ursachen geben kann. 

Wie fremd oder nah wir uns sind, hängt sicher auch davon ab, wie introvertiert oder extrovertiert jemand ist und wieviel jemand von sich preisgeben möchte. Es gibt Beziehungen und Freundschaften, die dümpeln so sehr auf der Oberfläche der Persönlichkeiten, dass ich persönlich niemals Zeit in so eine Verbindung investieren würde, aber das ist ja auch Geschmacksache. Vielen Menschen reichen ein paar gemeinsame Interessen um Zeit miteinander zu verbringen, ich dagegen habe gerne das Gefühl, dass eine Freundschaft auch in die Tiefe geht und man sich auch mit unangenehmen oder anstrengenden Seiten zeigen darf. Wobei auch das für mich seine Grenzen hat, wie das Fotoprojekt mir gezeigt hat. 

Schließlich und endlich bedarf es natürlich der Passung. Manchen Menschen fühlen wir uns von Anfang an so vertraut, dass wir uns gerne schnell öffnen und viel von uns zeigen können, bei anderen dauert es länger oder es tritt gar keine Öffnung ein, je nach dem, wie kompatibel man eben ist. 

Am Ende des Tages denke ich, dass wir von jedem Menschen, egal wie lange oder gut wir uns kennen, überrascht werden können. Nicht mit der Geburtstagstorte sondern etwa mit dem plötzlichen Wunsch, den ganzen Lebensstil zu verändern und meinetwegen auszuwandern. Oder mit der Eröffnung, dass er oder sie sich in jemand anderes verliebt hat. Oder mit der Mitteilung, dass eine Freundschaft nicht mehr passt weil die Wege zu unterschiedlich wurden. Um nur ein paar Beispiele zu nennen… Letztlich rudert jeder Mensch in seinem eigenen Lebensfluss und manchmal treffen wir Menschen, mit denen wir eine richtig lange Wegstrecke gemeinsam rudern können, vielleicht sitzt man sogar eine Weile im gleichen Boot, aber oftmals nehmen die Boote unserer Seelen unterschiedliche Wege und dann heißt es, Abschied nehmen.

Schön ist es, wenn man diesen Abschied wertschätzend und achtsam gestalten kann. Das gelingt leider nicht immer. Und in seltenen Fällen ändert sich vielleicht auch einfach die Form der Beziehung, wird zum Beispiel aus einer Partnerschaft eine Freundschaft. Das ist dann besonders schön.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen, dass wir Menschen um uns haben, mit denen wir das für uns passende Maß an Nähe und Offenheit leben können und mit denen Veränderungen gemeinsam besprochen und durchlebt werden können. Und sollte es doch Zeit für einen Abschied sein, dass dann ein genügend stabiles Netz vorhanden ist, um diesen aufzufangen. 

Herzlich, Merle

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