Schönheit im Alltag

Die S-Bahn-Station zu der ich fast täglich gehe um mit den öffentlichen Verkehrsmitteln mein Ziel zu erreichen, liegt am Ende eines fiesen, dunklen, dreckigen Tunnels. Ich hab ihn am Anfang, als ich hierher gezogen bin, gehasst und hatte abends auch gerne mal Angst. Inzwischen hab ich mich an das Monstrum gewöhnt… bis auf die Tatsache, dass er für Radfahrer und Fußgänger gleichzeitig ist und zwar ohne optische oder sonstige Abtrennungen. Das führt regelmäßig zu sehr unschönen Szenen und als Fußgänger muss man öfter mal nach dem Prinzip „Spring oder Stirb“ handeln, sonst kommt man buchstäblich unter die Räder. Ich reihe mich ungern in die Reihe der Leute ein, die auf Radler schimpfen, aber in dem Tunnel verhalten sie sich in der Regel wirklich wie Wildsäue auf Rädern, als ob der Mangel an Tageslicht automatisch ein weniger an Verkehrsregeln bedeutet. 
Alte Leute mit Rollatoren, Hundehalter mit ihren Vierbeinern, Muttis mit ihren Kleinkindern und Kinderwägen – alle müssen sich dem Rasen und Schlingern der Radler unterordnen, denn sonst fahren sie einem schonmal die Schnürsenkel aus den Schuhen.

Deswegen und weil ich gerade bewusst nach Schönheiten im Alltag Ausschau halte, hat es mich besonders gefreut, als ich die Tage eine ganze Reihe der obigen Zettel an der Wand des Tunnels plakatiert sah, ungefähr auf Augenhöhe von Radfahrern… Da hat offenbar ein Menschenfreund richtig Mühe investiert um ein bisschen Zivilisation und Wohlwollen ins Chaos zu bringen und mich hat diese starke Geste sehr berührt. Umso ärgerlicher und bescheuerter fand ich es, dass am nächsten Tag bis auf einen, alle dieser Zettel entfernt worden waren. Ob von einem Misanthrop oder einem übereifrigen Bahnmitarbeiter – man weiß es nicht. Schleierhaft ist mir auch, warum gerade ein Zettel übrig blieb… jedenfalls habe ich den fotografiert und beschlossen, hier darüber zu schreiben. Als Erinnerung daran, dass es immer wieder Schönheit im Alltag gibt. Und dass es diese Zettel gab und einer übrig blieb und dass sich ein Mensch diese Gedanken gemacht hat und so gehandelt hat – das ist Schönheit. 

Und das ist in diesen Zeiten besonders wichtig. Und damit meine ich zwar auch, aber nicht nur das Weltgeschehen oder die Lage in unserem Land. Ich meine damit auch persönliche Krisenzeiten, denn in so einer befinde ich mich gerade. Und um das auszuhalten und den Glauben ans Leben nicht zu verlieren, ist es wichtig, sich immer und immer wieder achtsam umzusehen. Zu entdecken, wo es Lichtblicke und Blumen im Sumpf gibt. Und es gibt sie. Wie die einzelne Biene, die sich vorhin auf meinem Balkon im Lavendel gelabt hat. Oder der wunderschöne Strauß orangeroter Rosen, den ich mir vom Einkauf mitgebracht habe… Schönheit im Leben zu haben ist wichtig. Das muss gar nichts großartiges sein, nichts teures oder weltbewegendes… aber etwas, das unser Herz berührt.

Eine sehr kluge und spirituell gebildete Frau sagte mal zu mir, dass die Schönheit, die wir im Außen sehen, unsere innere Schönheit spiegelt. Ich finde das einen sehr erbaulichen, nährenden und hilfreichen Gedanken. Natürlich ist es schwer, sich in schwierigen Zeiten auf das Schöne zu konzentrieren und damit auch innerseelische Hygiene zu betreiben… aber ich übe das, weil ich weiß, dass wenn ich mich auf das Schmerzhafte, Dunkle fokussiere, mein Innen sich auch darauf ausrichtet. Es ist eine Frage der Disziplin und auch der Dosierung von Information aus dem Außen.
Die Wahrnehmung für das Schöne zu schulen heißt nicht, alles andere auszublenden und in einer Blase zu leben – es bedeutet einfach, sich trotzdem oder gerade weil es so viel Mist gibt, auch der Schönheit zu öffnen. Ich glaube, sonst wird man mit der Zeit zynisch und bitter und das ist nicht gut fürs Herz. 

Und mein Herz hat gerade genug damit zu tun, dass es sich an eine neue, nicht selbst ausgesuchte Realität gewöhnen muss. Da darf man sich auch mal pampern und politisch unkorrekte Rosen kaufen, finde ich.

In diesem Sinne wünsche ich Euch viele Blumen im Alltag, Inseln des Schönen und Schönheit überall da, wo sie sich uns zeigen mag.

Herzlich, Merle

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