
Neulich abends im Garten eines Restaurants… ich sitze alleine vor meiner Pasta und einem (vorzüglichen) Glas Weißwein und genieße den Sommerabend in den noch warmen Straßen meiner Stadt. Gerade komme ich von einer Veranstaltung, von der ich mir viel versprochen hatte, die aber enttäuschend verlief. Auf dem Heimweg hatte ich beschlossen, mich dafür zu belohnen, dass ich versucht habe, Kontakte zu finden. Immerhin, ein Versuch… Ich lasse mir das Essen und den Wein schmecken und bin eigentlich recht zufrieden mit mir und der Welt, bis mir auffällt, dass ich als einzige an den vielen Tischen alleine da sitze. Normaler Weise macht mir das nichts aus, aber heute überkommt mich eine hübsche Melancholie und ich frage mich, mit einem leichten Anflug von Bitterkeit, wieso ich eigentlich nicht auch mit Freunden hier sitze und lache. Nun gut, denke ich, an der Tatsache meiner Einsamkeit versuche ich ja gerade etwas zu ändern und da braucht es halt Geduld und einen längeren Atem. Sich einen neuen Freundeskreis zu erschließen geschieht schließlich nicht innerhalb weniger Wochen.
Als ich nach dem Zahlen die Örtlichkeiten des Restaurants aufsuche, komme ich an dem Regal mit den Postkarten vorbei und sehe oben abgebildetes Exemplar. Freudig erstaunt greife ich danach. „Wow, da hat jemand mal eine gute Idee? Gibt’s ja nicht!“ Ich folge dem Sternchen auf der Vorderseite, drehe die Karte um und lese, wovor mein leiser Zweifel mich schon gewarnt hatte: die Kirche „bei dir um die Ecke“ und die „Bibel TV App“ werden beworben. Was für ein Rohrkrepierer. Enttäuscht stecke ich die Karte weg und beschließe, auf dem Heimweg darüber nachzudenken, welche Maßnahmen ich als nächstes gegen Einsamkeit ergreifen möchte. Denn die Kirche ist nichts für mich, woran ich mich vor allem erinnere ist, dass ich mich als Kind dort so einsam wie kaum woanders gefühlt habe… außerdem bin ich vor Jahrzehnten ausgetreten und zähle mich nicht dem christlichen Glauben zugehörig.
Was ist Einsamkeit überhaupt? Es ist nicht: alleine sein. Man kann in Gesellschaft unfassbar einsam sein. Einsamkeit ist nach meiner Erfahrung und meinem Kenntnisstand das Gefühl, nicht verbunden zu sein mit der Welt. Und vielleicht auch nicht mit sich selbst. Einsamkeit ist das Gefühl, mit jemandem sprechen zu wollen, da ist aber keiner (der wirklich zuhört). Einsamkeit ist die Sehnsucht nach Austausch, nach Gesehenwerden, nach Kontakt und Berührung. Nicht zwingend körperlicher Natur. Aber auch. Es gibt ja Menschen, die gehen auf Veranstaltungen, auf denen sich wildfremde Menschen kuscheln und streicheln, so absichtslos wie möglich (angeblich), um Körperkontakt zu erfahren und die nährende Erfahrung von Nähe zu machen. Für mich wäre das im Leben nichts. Ich habe gegen diese Vorstellung so starke Aversionen, dass ich das nicht einmal ausprobieren würde. Dann eher noch in die Kirche… na gut, in eine evangelische vielleicht…
Wenn ich ein Gruppenmensch wäre, würde ich mir einen passenden Verein suchen. Aber ich bin kein Gruppenmensch. Und der Verein fürs Katzenbeobachten muss noch gegründet werden. Der für „ich sitze in meinem Stammcafé und lese Zeitung“ auch. … Das absurde ist: ich bin gern alleine, ich gehe zum Beispiel auch gerne allein spazieren, weil ich dann in Ruhe meinen Gedanken nachhängen oder Achtsamkeitsübungen machen kann. Ich lese gern, ich schreibe viel, ich habe Kontakte in dem Atelier, in dem ich male. Aber wenn in relativ kurzer Zeit gleich mehrere enge Kontakte wegbrechen, fällt das auf. Und das wurmt mich… um nicht zu sagen ich bin verärgert über mich selbst.
Und an der Stelle setze ich an. Mich über mich selbst zu ärgern macht mich noch einsamer und unterbricht die Verbundenheit zu mir selbst, die ich jetzt dringend brauche. Ich bin kein Eremiten-Typ gestehe ich mir ein, auch wenn ich in frühen Jahren meines Lebens versucht habe, einer zu sein. Ich versuchte damals, aus der Not eine Tugend zu machen – hat bei mir nicht funktioniert. Und ich erinnere mich mit zunehmenden Verständnis für mich selbst an das, was ich gelernt habe: Menschen, die in frühen Kindesjahren verlassen waren, fehlt die nährende Erfahrung der wohlwollenden Zuwendung der Bindungspersonen und damit auch das Gefühl von Verbundenheit und angenommen sein. Mit anderen Worten: Einsamkeit ist nichts, was man üben kann zu ertragen, wenn man von Anfang an einsam war. Wer die Erfahrung einer sicheren, liebevollen Bindung in der Kindheit gemacht hat, ist hier klar im Vorteil. Alle anderen müssen sich das Aushalten von Einsamkeit und allein sein hart erarbeiten. Insofern bin ich weit gekommen. Dank vieler korrigierender Erfahrungen die ich bereits machen durfte, ist allein sein kein Problem. Und die Einsamkeit, mit der ich es jetzt zu tun habe, sehe ich als Herausforderung. Ich denke mir auch: müsste ich für einen Job in eine andere Stadt ziehen, stünde ich quasi vor dem gleichen Problem.
Ich sehe zwei Lösungen: ins Handeln kommen und sich dorthin begeben, wo möglicher Weise Menschen auf gleicher Wellenlänge sind – und die Beziehung zu mir selber pflegen und hegen.
Wobei es ja Psychogurus gibt, die behaupten, der Kontakt zu sich selbst sei hier das einzig glücklich machende Heilmittel. Dem widerspreche ich vehement. Der Mensch ist schon rein biologisch ein soziales Tier und für die seelische Gesundheit und psychische Intaktheit auf Kontakte und Bindungen angewiesen. (Eremiten gehen damit um, indem sie die Bindung zu einem höheren Wesen (Gott) suchen, sie finden Verbindung durch das Leben in und mit der Natur und haben meist auch Kontakt zu Lehrern oder Geistlichen… ob das vielen Menschen als Weg offen stünde, wage ich zu bezweifeln.) Nicht die Masse sondern die Klasse ist hier ausschlaggebend und während hohe Zahlen an „friends“ auf Facebook und Co. nichts über die eigene Zufriedenheit sagen, ist doch erwiesen, dass echte, tragfähige soziale Verbindungen sehr zur psychischen Stabilität und Resilienz beitragen.
Und doch leben wir in einer Gesellschaft, in der Einsamkeit unübersehbar ist.
Auf der Seite des Bundesministeriums für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend heißt es: „Einsamkeit zieht sich durch die gesamte Gesellschaft. Die Einsamkeitsbelastungen im Jahr 2021 betrugen bei den 18- bis 29-Jährigen 14,1 Prozent, bei den 30- bis 50-Jährigen 12,3 Prozent, bei den 51- bis 75-Jährigen 9,8 Prozent und bei den Menschen ab 75 Jahren 10,2 Prozent.“ (https://www.bmbfsfj.bund.de/bmbfsfj/aktuelles/alle-meldungen/erstes-einsamkeitsbarometer-fuer-deutschland-veroeffentlicht-240202) Interessanter Weise steht dort auch, dass Menschen mit Einsamkeitsbelastung eine andere Einstellung zur Demokratie haben und den politischen Institutionen weniger vertrauen. Eigentlich kein Wunder, denn Einsamkeit isoliert und macht oft auch ängstlich. Fehlende Kommunikation und Information in und aus der Welt in der wir leben, kann da schon zu Misstrauen führen. Auf der Seite einer Privatklinik lese ich außerdem, dass die WHO Einsamkeit inzwischen als „Pandemie des 21. Jahrhunderts“ bezeichnet. (https://www.privatklinik-eschweiler.de/blog/wenn-einsamkeit-krank-macht/)
Die auf den Seiten der Klinik aufgezählten Wege aus der Einsamkeit sind hinlänglich bekannt, da bin ich mir sicher (Gesangsgruppe, Sportverein, Haustier… vgl. den Link oben). Ich denke, es geht bei den meisten Menschen nicht darum, dass sie nicht wissen, was sie gegen Einsamkeit tun könnten. Ich denke, es geht vor allem darum, dass das Gefühl häufig mit Scham verknüpft ist und dass vielen Menschen das Selbstvertrauen fehlt, auf andere zuzugehen bzw. anzunehmen, wenn jemand auf sie zugeht. Die Anbahnung neuer sozialer Verbindungen ist gar nicht so trivial. Manchmal fühlt man sich da wie beim Bewerbungsgespräch und dann sollten es ja auch Menschen sein, mit denen man einigermaßen auf einer Wellenlänge ist.
Wer übrigens meint, durch digitale Kommunikation ließe sich ein Weg aus der Einsamkeit finden, der irrt. Zwar ist diese besser als keine Kommunikation, aber persönliche, direkt erlebbare Kommunikation und Austausch sind definitiv zuträglicher. Im Zweifelsfall tragen Social Media dazu bei, dass man sich mit anderen vergleicht und dann auch noch schlecht abschneidet… das ist keine gute Kombination.
Ich glaube, wer aus der Einsamkeit finden möchte braucht vor allem Mut. Sich die Einsamkeit einzugestehen, sich im passenden Rahmen anderen zu zeigen und sich auf neue Menschen einzulassen – das kann alles Angst machen und darf überwunden werden, wenn wir uns wieder ein soziales Netz aufbauen wollen.
In diesem Sinne wünsche ich allen, die Einsamkeit kennen, den Mut, aus ihr herauszutreten, ein gutes Gespür für ein kompatibles neues Umfeld und genügend Geduld, damit das Neue sich fein entwickeln kann.
Herzlich, Merle