
Neulich in meinem Stammcafé: ich sitze mit einem Freund in der Ecke und wir führen ein angeregtes Gespräch über viele, auch sehr persönliche Dinge. Später wird es politisch und ich äußere mich über eine Minipartei sinngemäß so, dass ich das sehr realitätsferne Programm nicht besonders gut finde, weil es eben genau das ist: realitätsfern. Daraufhin schaltet sich ein schon seit einer Weile neben uns sitzender, anderer Stammgast ungebeten in das Gespräch ein und rügt mich, ich solle Utopien nicht diskreditieren, man brauche diese. Schließlich hätte man sich Handys und andere Dinge früher auch nicht vorstellen können, man brauche Utopien. Ich antworte nicht. Weil es mich ärgert, dass mein Verdacht stimmt, dass er mit sehr großen Ohren neben uns sitzt. Und weil ich aus der Vergangenheit weiß, dass er sehr gerne fremde Gespräche kapert. Demonstrativ greife ich zur Speisekarte und vertiefe mich darin. Das Manöver glückt, er hält sich im weiteren Verlauf zurück.
Jedoch, sein Einwurf stimmt mich im Nachhinein nachdenklich. Er hat eigentlich Recht. Und uneigentlich auch. Wenn ich bedenke, wie die Grünen angefangen haben… wenn ich außerdem an viele großartige Errungenschaften der Zivilisation denke, dann geht es nicht, ohne dass wir groß denken und uns das Unmögliche vorstellen oder ihm zumindest nicht verschließen. Auf der politischen Ebene kann man einwerfen, dass eine Partei ja auch Wähler braucht und dass das einen gewissen Pragmatismus erfordert und nicht völlig utopische Ziele – aber darüber kann man auch lange streiten. Und ich muss an eine Imaginationsübung denken, die ich neulich in einer kleinen Gruppe mitgemacht habe: wir stellen uns vor, wir hätten uns zwei Jahre lang nicht gesehen und jeweils zwei Personen befragen sich dann gegenseitig, was in den zwei Jahren passiert ist, wo wir gelandet sind, was uns weiter gebracht hat und wie wir an unsere Ziele gekommen sind. Man nennt das auch Priming – die positive Einstimmung auf etwas Zukünftiges, auf das man sich optimistisch, assoziativ und gefühlsmäßig einschwingen möchte.
Ich war großartig darin, mir eine schöne, erfüllte und erfolgreiche Zukunft vorzustellen. Es war erhebend, sich quasi rückblickend anzugucken, was ich in den imaginierten zwei Jahren alles erreicht habe! Zwar kam es mir auch ein wenig absurd vor, weil ich mich gerade in einer belasteten Phase meines Lebens befinde, aber es gelang mir, mich für ein paar Momente davon zu befreien und davon auszugehen, dass alles, was ich mir vorgenommen habe gelingen würde und einiges, was ich mir wünsche, in Erfüllung geht. Doch wenn ich jetzt an den Satz mit den Utopien denke und an das, was unsere Übungsleiterin uns vor der Imagination gesagt hat, dann denke ich, ich habe eigentlich nicht groß gedacht. Das Haus in der Toskana hat gefehlt, der Job war mittelprächtig bezahlt und alles in allem bin ich doch bescheiden geblieben in dem, was ich mir vorgestellt habe.
Bereuen tu ich das nicht. Ich kann die Übung ja jederzeit wiederholen 🙂 Und ich bin nunmal ein Mensch, der eher vorsichtig ist und sich hinterher über kleine Erfolge freut als vor dem großen Ziel zu kapitulieren. Ich bin eigentlich eine Verfechterin der kleine-Schritte-Politik. Aber. Und jetzt kommt das große ABER: hätten wir nicht immer wieder groß denkende Personen in der Menschheitsgeschichte gehabt, wo wären wir da? Gäbe es nicht Visionärinnen und Visionäre, die Utopien hoch halten und dafür kämpfen, was für eine Gesellschaft hätten wir dann heute? Sicher, es gibt auch so etwas wie Größenwahn und das ganze kann böse kippen. Aber ich denke an das allgemeine Wahlrecht oder das Frauenwahlrecht. Ich denke an Elektrizität, Mobilität und die Errungenschaften in der Medizin. Ich denke an das Internet und Demokratie, die Abschaffung der Sklaverei und an die Schaffung der Europäischen Union. All diese Dinge waren mal utopisch.
Groß Denken erfordert Mut. Vor allem den Mut, sich vor Anfeindungen und Gegenwind zu behaupten und nicht beirren zu lassen. Groß Denken ist eine Gabe, die für das Wohl der Menschheit, aber auch dagegen eingesetzt werden kann. Aber es nicht zu tun, ist eigentlich auch fatal, weil man dann möglicher Weise immer hinter seinen Potentialen zurück bleibt.
Ich möchte hier unterschieden zwischen der gesellschaftlichen, kollektiven Ebene und der individuellen Ebene. Auf einer kollektiven Ebene müssten eigentlich demokratische Prozesse darüber entscheiden, wie Errungenschaften eingesetzt werden und welchen Utopien eine Gesellschaft folgen möchte. Das ist hoch komplex, erfordert ein hohes Maß an Allgemeinbildung und Freiheit im Denken und Handeln. Dennoch halte ich es für den einzigen Weg, wenn wir die Freiheit und die Würde des Menschen in unseren Gesellschaften erhalten bzw. fördern wollen. Gefährdet sehe ich das durch globale Kapitalakteure, die längst über viel zu viel politische Einflussnahme verfügen… das wäre ein Thema für einen eigenen Artikel.
Wenn ich über die individuelle Ebene nachdenke, fällt mir immer wieder auf, wie schwer es ist, wirklich groß zu denken. Ein Beispiel: als ich vor einigen Jahren eine Wohnung in meiner Stadt suchte, in der Wohnungen Mangelware sind und kaum noch bezahlbar, da war ich vor allem von der Angst getrieben, in einem 25-Quadratmeter-Wohnklo zu enden. Eine Freundin von mir sucht gerade in einer Großstadt eine Wohnung, die auch einen katastrophalen Wohnungsmarkt hat – aber sie hat kürzlich eine Traumwohnung gesehen und geht einfach davon aus, dass sie so eine auch finden wird! Und das ist der Trick. Sich das Schöne, Positive, Gewünschte vorzustellen, am Besten möglichst detailliert… und nicht dem Mangel oder der Angst das Feld zu überlassen. (Am Rande bemerkt: was ich an Vorstellungskraft damals nicht hatte, habe ich durch die Anzahl an Telefonaten und Gesuchen wett gemacht und habe heute eine kleine aber feine Wohnung…) Innere Bilder haben eine unglaublich große Kraft, sie helfen unserem ganzen System, uns auf etwas einzustimmen und die richtigen oder nötigen Schritte zu unternehmen, um unser Ziel zu erreichen. Auch Sportler arbeiten ja mit inneren Bildern um ihre Ziele zu erreichen und ihren Körper und Geist auf das Ziel auszurichten. Das geht auch in anderen Bereichen.
Aber wir sind eine Gesellschaft in der vor allem Frauen noch geprägt sind von Glaubenssätzen wie „Das steht mir nicht zu.“, „Das habe ich nicht verdient.“ ,„Ich kann das nicht.“ , „Wie soll das gehen?“ Und gerade der letzte dieser Sätze – sie sind alle ungünstig und dürfen gehen – darf losgelassen werden und wir dürfen uns viel mehr dem Vertrauen auf den Fluss des Lebens hingeben. Wie es im Detail geht, müssen wir vorher gar nicht wissen. Nenn es Magie, nenn es Energie, nenn es Gottvertrauen – die Dinge sortieren sich und richten sich auf das aus, was gewünscht ist, wenn wir groß denken, innere Bilder kreieren und damit unseren Weg gestalten. Nicht das Wohnklo imaginieren sondern die Traumwohnung! Nicht den 10-Tage-Urlaub in der Toskana sondern das Haus dort! Nicht den schlecht bezahlten Job als Angestellte sondern die lukrative Selbständigkeit! Nicht irgendein Partner sondern der Richtige! (…) Visionärin für das eigene Leben zu sein kann Angst machen. Man könnte über sich selbst hinaus wachsen, alles könnte neu und aufregend sein und das Gewohnte gibt so viel mehr Sicherheit als das Neue. Kleine Räume vermitteln mehr Schutz und Geborgenheit als ein großer Saal. Aber stell Dir vor, was wäre wenn…
Ich glaube, wir dürfen alle gerne öfter und intensiver groß denken. Und durch das groß Denken kommt die Phantasie, kommt die innere Vorstellungswelt in Schwung und entstehen Bilder, die uns mit ihrer eigenen Kraft voran bringen können. Wenn das Innere entsprechend ausgerichtet ist, ordnet sich das Äußere oft ganz von selbst. Das ist schwer erklärbar und doch funktioniert es. Denn wenn ich darüber nachdenke, habe ich das selbst schon oft genug erlebt, allerdings habe ich bisher eher unbewusst mit meinen inneren Bildern gearbeitet. Aber einige wichtige Dinge, die ich mir in meinem Leben gewünscht habe sind entgegen der äußeren Wahrscheinlichkeit in meine Realität gekommen, weil ich sie mir gewünscht habe und davon Tagträume hatte… und wenn ich noch länger darüber nachdenke, dann wird mir klar, dass all diese Dinge und Menschen in mein Leben gekommen sind, ohne dass ich viel dafür tun musste. Sie waren dann einfach da.
In diesem Sinne wünsche ich uns allen lebendige innere Bilder, wunderschöne innere Landschaften und große Gedanken… denn das Schlimmste was passieren kann, ist, dass es nicht eintritt. Dann habe ich aber nichts verloren und es wenigstens versucht…
Herzlich,
Merle