
Der Titel des Artikels zeigt es schon an: heute geht es um ein Thema, über das man natürlich mehrere Habilitationen schreiben könnte… ich versuche trotzdem mal in diesem kurzen Format das Essenzielle zusammenzufassen – zumindest das, was ich in den letzten Tagen über den Sinn meine herausgefunden zu haben.
Ganz basal ist es ja so, dass unsere fünf Sinne, also unser Körper, darauf ausgelegt sind, ständig unser Umfeld zu prüfen und auf Sicherheit zu checken. Unsere Wahrnehmungskanäle senden unentwegt Signale an das Nervensystem, in welcher Situation wir uns gerade befinden, ob wir uns entspannen können, oder ob Gefahr droht. Dies geschieht in aller Regel unbewusst und funktioniert doch ganz hervorragend. Zwar haben wir heute keine Säbelzahntiger mehr, aber rein evolutionär macht das alles doch Sinn. (!) Neben unseren körperlichen Sinnen gibt es aber auch unseren Verstand bzw. unser Gehirn – die Sinn im Sinne von Bedeutung sehr gerne haben. Wir wollen verstehen und einordnen können und den Dingen einen Zweck oder einen Platz in einer Struktur geben. Und hier wird es schon komplexer. Beziehungsweise unter Umständen schmerzvoll, weil viele Dinge die uns im Leben begegnen keinen Sinn ergeben. Und damit müssen wir auch erstmal klar kommen.
Bleiben wir noch beim Sinn als Bedeutung, dann sind wir bei der Sprache – was für ein Wunderwerk der menschlichen Intelligenz! Wir machen seltsame Laute und ein anderer Vertreter unserer Spezies weiß, was wir meinen. (Oft, nicht immer…) Und wie toll ist es, dass wir die Sprache anderer Kulturen erlernen können, weil offensichtlich die seltsamen Laute Regeln und Strukturen unterliegen und nicht willkürlich geäußert werden… Mich fasziniert das immer wieder. So auch gestern, als ich mein derzeitiges Lieblingslied mehrfach hintereinander hörte:
Arrested Development People Everyday. Und ich füge den Link zum Lied bewusst ein, weil vielleicht die eine oder andere das Experiment auch versuchen möchte… und weil es ein toller Song ist! Jedenfalls hörte ich das sehr groovige und tanzbare Lied und war am mitswingen… bis es mich störte, dass ich den Text nur sehr rudimentär verstand. Ich begann, mich auf das Gesungene zu konzentrieren und (ich gebe zu, mit Hilfe meiner Musik-App) entschlüsselte den Text. Um daraufhin festzustellen, dass das Lied bei mir jetzt ganz neue, andere Gefühle auslöst! Nicht besser oder schlechter, einfach anders… und tiefer gehend. Das ganze macht jetzt mehr Sinn und ich groove jetzt anders mit. Wie schön das ist!
Nach allem, was ich in meinem Leben erleben durfte und auch gelesen habe gehe ich davon aus, dass jedem Menschen die Sehnsucht nach Sinn gegeben ist. Es ist bei weitem nicht jeder religiös, aber gerade die Existenz von Religionen zeigt uns, wie sehr die Menschheit sich nach Sinn sehnt. Und wenn das, was wir sehen oder erleben keinen Sinn macht, können wir es einer numinosen Macht (etwas Göttlichem) zuschreiben – wie praktisch! Nun bin auch ich nicht religiös und habe den easy exit eines Gottes nicht zur Verfügung, aber nach Sinn sehne auch ich mich und ich habe festgestellt, dass überall dort, wo ich keinen Sinn erschließen kann, der Schmerz ziemlich persistent ist. Dinge wie Abschiede, persönliches Versagen, das Platzen von Lebensträumen…alles, was eben so Schmerz auslösen kann auf einer emotionalen oder seelischen Ebene, diese Dinge hören eher auf weh zu tun wenn wir ihnen Sinn geben können. Ohne eine tiefere Bedeutung bleibt der Schmerz. Da es zum Beispiel für unser menschliches, begrenztes Bewusstsein auch schwer ist, einen Sinn zu sehen, wenn ein Wesen „vor seiner Zeit“ stirbt, tut das besonders weh. Scheinbar sinnlose Schicksalsschläge können ganze Herzen und Seelen für immer in den Schmerz gehen lassen und Menschen verlieren ihren Lebensmut, weil der Schmerz zu groß ist und die Sinnlosigkeit den inneren Kompass verstummen lässt.
Sinn – Bedeutung – ein nachvollziehbarer Grund ist – sind existentiell für uns Menschen. Und die Wege, Sinn zu finden oder den Dingen Sinn zu geben sind so zahlreich, wie es Menschen gibt. Wobei es natürlich ohne geteilte Bedeutungen und Rahmen des Sinns nicht funktioniert mit dem Zusammenleben der Menschheit. Ich behaupte, es kann auch schmerzen, festzustellen, dass Menschen, die einem nahe sind, den Dingen eine andere Bedeutung geben als man selbst. Es gehört zum großen Glück eines Individuums jemanden zu finden, mit dem man Sinn und Bedeutung teilen kann – über Sprache hinaus. Das schafft Verbundenheit und ein gegenseitiges Verständnis ohne die wir auch nicht leben können. Das eigene Leben braucht Sinnhaftigkeit, sonst haben wir keine Orientierung und vielleicht auch keinen Grund weiter zu machen. Geteilte Sinnhaftigkeit aber bedeutet noch so viel mehr. Sie zeigt uns, dass wir nicht alleine und isoliert hier sind. Weshalb ich an dieser Stelle gerne mal wieder auffordere: Leute, sprecht miteinander! Verständigt Euch! Findet einen gemeinsamen Nenner und wertschätzt ihn… ohne geht’s nicht.
Und jetzt lehne ich mich ganz weit aus dem Fenster. Ich glaube verstanden zu haben, dass wir vor allem hier sind, um Erfahrungen zu machen. Unsere Seele möchte die Welt erfahren und mit allen Sinnen erleben. Sozusagen Sinn und Sinnlichkeit als Urgrund des Seins. Manche Menschen sprechen von Lernaufgaben. Ich spreche von Erfahrungen machen und dadurch wachsen. In Bewusstheit, Weisheit und innerer Größe. Und wenn wir dann noch das Herz sozusagen als inneres Sinnesorgan dazu nehmen, als Kompass für unsere Verbundenheit und unser feines Gespür für Menschlichkeit und Liebe, dann wird klar, warum Schmerz bleibt, wenn wir keinen Sinn finden. (Zwar entstehen Gefühle im Gehirn – soweit wir es bisher wissen – aber durch unser Nervensystem ist unser Herz direkt mit unserer Psyche bzw. unseren Gefühlen verbunden. Siehe zum Beispiel den erhöhten Herzschlag bei Aufregung oder Angst und die sogenannte Herz-Hirn-Achse, über die in Millisekunden über Gefühle kommuniziert wird.) Würde es bloß darum gehen, Erfahrungen zu machen, wären wir Roboter, die Daten sammeln. Offensichtlich geht es also um mehr.
Ich glaube, es geht auch darum, ein Mehr an Empathie, Mitgefühl und Liebe zu entwickeln. Und so wie wir Menschen gestrickt sind, fällt uns das viel leichter, wenn wir verstehen. Mitgefühl oder Liebe zu empfinden ohne Verständnis, ohne Sinn, das ist Level 200 auf der Erleuchtetenskala, die eigentlich nur bis 100 geht. 😉 Natürlich kann man auch einfach sagen: der Verstand braucht halt einen Grund. Punkt. Sicher. Aber wer mal ein geliebtes Wesen verloren hat der weiß, dass der Schmerz nicht im Kopf sitzt. Unser Herz, unsere Intuition lassen uns genauso nach Sinn suchen um dem Geschehen eine Bedeutung zu geben. Und ich glaube, das ist ein ganz wesentlicher Aspekt von Liebe bzw. Gefühlen. Wenn wir jemand oder etwas lieben, dann ist das mit Bedeutung verknüpft. Ein Schmuckstück mit bestimmten Erinnerungen oder einer Verbindung zu einer Person ist mir sehr viel lieber als eines ohne. Ein Mensch den wir lieben, hat eine besondere Bedeutung in unserem Leben. Ohne Sinn und Bedeutung, das wäre mein Fazit für heute, wären wir eine lieblose und empathielose Ansammlung von Kreaturen. Dass ich tiefere Empfindungen habe, wenn ich ein Lied höre, dessen Text ich verstehe, ist ja kein Zufall. Unsere Gefühle folgen Bedeutung und sie geben Bedeutung. An unwichtige, bedeutungslose Dinge erinnern wir uns kaum – an bedeutungsvolle Begebenheiten hingegen schon. Gefühl und Bedeutung hängen also engstens zusammen. Ich nehme es daher Descartes übel, dass er mit seinem „cogito ergo sum“ das Primat des Denkens eingeführt hat. Wir sind fühlende Wesen und ohne diesen Aspekt des Menschseins gehen wir verloren, werden krank, verlieren den Kontakt zu uns und unserem Körper. Oder habt ihr schonmal versucht, Euren Körper zu denken? Nein, Deinen Körper spürst Du. Liebe fühlst Du, Du denkst sie nicht.
Ohne Bedeutung und Sinn können wir etwas nicht in unser Koordinatensystem integrieren. Wir können uns keine Geschichte erzählen, und das Geschehen bleibt isoliert in unserem System hängen. Das erzeugt Schmerz, mehr Schmerz, als wenn wir einen Grund, ein Warum haben, das uns hilft, etwas zu verstehen. Das hat auch viel mit Kontrollverlust zu tun und damit, dass wir Menschen etwas nur verarbeiten können, wenn wir uns eine kohärente Geschichte über ein Ereignis erzählen können. Wenn wir fähig sind, etwas einzuordnen in ein großes Ganzes, können wir es integrieren und damit fertig werden, ansonsten bleibt unser System auf Stress und Alarmbereitschaft eingestellt.
Und so ergibt das alles in der Gesamtschau sehr viel Sinn. Und wieder einmal staune ich über die Weisheit, die in unserem menschlichen Sein angelegt ist und wie alles zusammenhängt. Körper, Seele und Geist machen uns zu dem, was wir sind. Dass wir in einem Zeitalter leben, in dem der Verstand die Hauptrolle spielt könnte ein Grund sein, warum vielen Menschen der Sinn abhanden gekommen ist…aber das wäre Stoff für einen anderen Artikel…
In diesem Sinne wünsche ich uns allen das Finden der Sinnhaftigkeit überall da, wo wir sie noch suchen und ansonsten viel Geduld und Mitgefühl mit uns selbst…ich bin sicher, am Ende des Tages ergibt alles einen Sinn, auch wenn wir ihn manchmal noch nicht sehen können…
Herzlich, Merle