Schutzmechanismen

Diesen vor wenigen Tagen geschriebenen Artikel hat mein innerer Kritiker heute frei gegeben: (Vorsicht, könnte triggern!)

Ich sitze gerade in meiner Küche und bin eigentlich sehr müde und möchte schlafen. Doch nach der massiven Hitze gewittert es endlich und es ist so laut, dass ich nicht schlafen kann. Also schreibe ich. Und mir fällt völlig unwillkürlich eine Episode aus meiner Kindheit ein. Mein Großvater pflegte oft und mit Inbrunst zu sagen: „Der Mensch ist ein Arschloch.“ Für mich war das als Kind sehr verwirrend und komisch, weil ich ahnte, dass sein Verhalten selbst nicht ganz koscher war. Später verstand ich einiges mehr. Jedenfalls wuchs ich also mit diesem Satz auf – ich sah meine Großeltern mehrmals im Jahr und eines Tages war ich wieder mal in den Sommerferien bei ihnen und, ich muss etwa 12 Jahre alt gewesen sein, da holte er eine Waffe aus dem Schrank, zielte auf mich und schoss. Ein lauter Knall. Ein dreckiges Lachen. Ich lebte noch. Zitternd am ganzen Leib begriff ich langsam, dass mir nichts passiert war. Es war eine Schreckschusspistole, doch das wusste ich natürlich vorher nicht und verstand es erst, als er es mir sagte. 

Mein Großvater war auf seine Art selbst ein Arschloch. Und projizierte das wild durch die Gegend. Das begriff ich in recht jungen Jahren. Man muss dazu wissen, dass er im Krieg war und in russischer Gefangenschaft – was keine Entschuldigung ist aber eine Erklärung. Nach dem Krieg wurde er, nach allem, was man mir erzählte, ein anderer Mensch und tyrannisierte sowohl seine Kinder als auch seine Frau und später seine Enkel. Gleichzeitig war er ein sehr gebildeter, witziger und fürsorglicher Mann. Das muss man erstmal unter einen Hut bekommen. Mir fällt das bis heute schwer. Man nennt das wohl Ambivalenz und davon abgesehen bin ich sicher, dass mein Opa schwer traumatisiert war. Wie gesagt, keine Entschuldigung, aber eine Erklärung.

Ich erzähle das nicht, weil ich Mitleid oder Bestürzung bewirken will, sondern ich möchte auf etwas bestimmtes hinaus: zum einen ist zu der Geschichte wichtig zu wissen, dass meine Familie das nicht weiter erwähnenswert fand, was da passiert war, also auch meine Mutter (seine Tochter) nicht. Und zum anderen finde ich bemerkenswert, dass ich diesen Vorfall tatsächlich vergessen hatte. Er kam im Zuge einer Therapiesitzung die Tage wieder hoch. 

Bevor ich mehr zu meiner Familie sage: ich habe mich mit Anfang 20 von allen innerlich verabschiedet und seitdem keinen Kontakt mehr. Die Dysfunktionalität dieses Systems war und ist für mich unerträglich und ich habe mich beizeiten geschützt. Was mir durch sehr seltenen Kontakt zu meiner älteren Schwester aber immer wieder vor Augen geführt wird, ist, wie unterschiedlich Realitäten sind. Meine Schwester weiß auch, was für ein Mensch mein Großvater war. Aber sie verehrt ihn bis heute. Sie hatte und hat auch immer Kontakt zu unseren Eltern gehalten, obwohl da so viel im Argen lag, dass ich eine Schwerbehinderung habe und immer noch in Therapie bin. 
Und meine Mutter hat uns Kinder in den Ferien zu den Großeltern geschickt, obwohl sie selber wusste, was für ein Mann ihr Vater war. Sie hat ja selbst dessen Gewalt an seiner Frau (meiner Oma) und sich selbst und ihrem Bruder erlebt.

Aber: wovor man nicht fliehen kann, wird irgendwann normal. Zumindest für viele Menschen ist das so. Und dann lebt man irgendwann ein Leben, in dem man die Muster der Eltern wiederholt und an die eigenen Kinder weitergibt und es braucht einen Quergeist und sensiblen und starken Menschen, um diesen Kreislauf zu durchbrechen. Ich behaupte, in unserer Familie war ich das. Übrigens auch ein Grund für mich, keine Kinder in die Welt zu setzen. 

Die menschliche Psyche formt also die Realität auch nach unseren tiefsten Bedürfnissen und Ängsten und es gibt sehr starke Schutzmechanismen, die dazu führen, dass man die objektive Wahrheit im Verhalten der Anderen nicht wahrhaben muss. Vergessen. Verdrängen. Abspalten… 

Dann muss man auch keinen Schmerz ertragen und auch keine unbequemen Konsequenzen ziehen. 
Ich selber habe, denke ich heute, den Vorfall mit dem Schuss vergessen, weil ich mich ungern an meine Großeltern erinnere. Es sind sehr anstrengende Erinnerungen, weil ich sie als Kleinkind geliebt habe und recht bald doch anfing, sie zu hassen und mich zu ekeln. Und über allem immer das Verständnis und Mitgefühl für eine vom Krieg gezeichnete Generation, die es angeblich oder scheinbar „nicht besser wusste.“ Wirklich? Ich frage mich das bis heute. Ist das seelische Bequemlichkeit oder echte Unfähigkeit?

Das Schweigen und Normalisieren des Unnormalen in meiner Kernfamilie ist auch ein Schutzmechanismus der vor allem dazu diente, meine Mutter zu schützen und das Gefüge zu erhalten bzw. auch das Bild nach außen aufrecht zu halten. Familiensysteme sind starke Systeme die oft um jeden Preis nach Erhalt streben. Vielleicht hätte ich damals alles implodieren lassen können. Vielleicht auch nicht. Ich habe es vorgezogen, einfach zu gehen und keine Konfrontation zu suchen weil ich ahnte, welche Antworten ich bekommen würde.

Was aber bei allem Hass und aller Wut und Ablehnung, die ich gegenüber meiner Familie spürte oder spüre ganz erstaunlich ist: Anfang 20 war ich das letzte Mal bei meinen Großeltern zu Besuch, zwei Tage lang. Aufgrund des Gesundheitszustands meines Großvaters ging ich davon aus, dass ich ihn das letzte Mal sehen würde. Es war ein sehr schwieriger Besuch voller gemischter Gefühle und enormer Impulskontrolle meinerseits. Als ich zur Heimfahrt zum Zug musste, brachte er mich mit dem Taxi zum Bahnhof und kam mit auf den Bahnsteig. Und plötzlich stand da der einstige Koloss und stattliche Ingenieur wie ein kleines Kind, völlig orientierungslos und wusste nicht mehr, wie er zurück zu den Taxis kommen würde. Mir brach das Herz und ich weinte noch Stunden später im Zug über den Verfall meines einst geliebten Opas. 

So persönlich zu erfahren und zu begreifen, dass geliebte Menschen einen unfassbar verletzen und schädigen können und dass ein echter Tyrann auch ein zartes, schwaches Wesen in sich trägt – das war und ist eine der wichtigsten Lektionen in meinem Leben. 

Trotzdem hätte ich allen in unserer extrem kranken Familie rechtzeitig ein Erwachen gewünscht und einen bewussten Weg zu innerer Klarheit. Das sehe ich heute nicht mehr, aber das ist auch nicht mehr mein Thema. Mein Thema ist es, weiter meine blinden Flecken aufzudecken, mein Bewusstsein zu schärfen für die Dinge, die mich bis heute beeinflussen und geprägt haben und irgendwann sagen zu können: ich bin in Frieden mit dem, was passiert ist und kann einen Haken dran machen. Manchmal habe ich das Gefühl, kurz davor zu sein – und dann kommt doch wieder etwas, das mich innerlich zum Toben bringt. Wie die Schuss-Anekdote.

Übrigens muss man nicht derart offensichtlich falsche Dinge erlebt haben, um traumatisiert aus der Kindheit hervor zu gehen. Wer das Gefühl hat, sich auffällig wenig zu erinnern oder Schwierigkeiten beim Zugang zu Gefühlen hat oder in Hocherregung bei Erinnerungen versetzt wird, dem würde ich raten, einmal tiefer zu gucken, eventuell mit professioneller Hilfe, um zu erfahren, was da vielleicht für eine Geschichte zutage kommt. Es können viel alltäglichere Formen der Aggression, der Vernachlässigung oder des Verlassenwerdens sein, die tiefe Spuren im innerpsychischen System hinterlassen und weiter wirken. Hinschauen lohnt sich, denn was im Verborgenen weiter wirkt, trägt die Ladung oder Energie des Geschehenen und wirkt im Innern höchst dysfunktional, so dass man weiter in Schutzmechanismen gefangen bleibt. Und das ist schade, weil es Lebendigkeit, Gefühle und den Kontakt zum wahren Selbst verbaut. 

In diesem Sinne wünsche ich uns allen die passenden äußeren Voraussetzungen für eine heilsame Innenschau und genügend Sicherheit im Außen, um das Anzusehen, was vielleicht sehr weh tut. 

Weil es uns näher an unseren wahren Kern bringt, weil es uns ganz macht und befähigt, wieder im Vertrauen und in der Liebe zu sein.

Herzlich

Merle

2 Gedanken zu „Schutzmechanismen“

  1. Liebe, Dein Schreiben berührt mich zutiefst. Ich hab Dich immer noch in meinem Herzen, obwohl schon lange lange nicht mehr gesehen. Auch ich möchte so sehr in Frieden mit dem sein können, was passiert ist und einen Haken dran machen können. Deine Worte empfinde ich als Unterstützung. Herzdank dafür. Ganz liebe Grüße, Marie-Luise

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    1. Liebe Marie-Luise,
      Deine Worte bewegen mich sehr! Ich wünsche Dir von ganzem Herzen, dass Du den wohlverdienten Frieden findest! Und wenn ich ein bisschen Mut machen konnte, freut es mich ungemein… Fühl Dich herzlichst umarmt wenn Du magst und pass gut auf Dich auf!
      Ganz liebe Grüße zurück, Merle

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