
Es gibt Momente im Leben, da schaut man in den Spiegel und fragt sich bang: Wer ist das, den ich da sehe? Kenne ich die? Eine frühere Freundin von mir pflegte zu sagen: „Wenn ich morgens in den Spiegel schaue, denke ich mir meistens: ich kenn Dich nicht! Ich wasch Dich trotzdem!“ So geht es mir gerade nicht nur morgens. Oder, um ehrlich zu sein: ich vermeide jetzt den Blick in den Spiegel auch am Morgen. Zähne putzen kann ich auch so.
Ich weiß nicht, wie es Euch geht, aber ich habe schon öfter in meinem Leben Menschen gesehen, da dachte ich mir: ohje, so möchte ich nicht enden oder: wie gut, dass ich dieses Problem nicht habe… Und über die Jahre sind dann einige genau dieser Schreckgespenster in mein Leben gekommen.
Um ein harmloseres Beispiel zu nennen: als ich vor vielen Jahren in der Klinik mit einer Tourette-Patientin auf dem Zimmer war, war ich voller Mitgefühl aber auch Entsetzen – nicht nur über das laute, impulsive Fluchen sondern auch die Tics, die sich vor allem in Gesichtszuckungen zeigten.
Inzwischen habe ich selber Gesichtszuckungen, nicht weil ich Tourette habe sondern weil ich einen entzündeten oder eingeklemmten (das stellt sich noch heraus) Gesichtsnerv habe. Deshalb zuckt meine linke Gesichtshälfte jetzt unkontrollierbar und unwillkürlich, natürlich in der Regel besonders dann recht heftig, wenn ich es am wenigsten gebrauchen kann.
Aber auch andere Dinge sind passiert oder sind Teil meiner Persönlichkeit geworden oder haben sich über die Jahre gezeigt, über die ich früher gerne dachte, das passiert nur anderen. Manchmal frage ich mich, ob irgendein Scherzkeks im Universum das mitbekommt und sich denkt: ahja, davor hat sie also Angst, na dann wollen wir ihr das mal angedeihen lassen… Ein anderes Modell einiger spiritueller Schulen würde sagen: ich habe durch das Resonanzprinzip entsprechend meine Realität kreiert. Und unbewusste Aspekte schieben sich ins Bewusstsein, ob ich es will oder nicht.
Ich denke diesbezüglich inzwischen: ich weiß, dass ich nichts weiß. Wie auch immer sich meine Realität bildet und welchen Anteil auch immer ich daran habe: ich muss mit dem Ergebnis zurecht kommen und das ist manchmal ganz schön hart. Denn manchmal müssen wir Seiten und Abgründe an uns erkennen und akzeptieren, von denen wir nie gedacht hätten, dass sie zu uns gehören.Also, natürlich kann man versuchen, davor davon zu laufen und sich zu verleugnen, sich vor sich selbst verstecken. Aber das geht auch nur für eine gewisse Zeit: irgendwann kommt das, was gesehen werden will doch wieder um die Ecke und dieses Mal mit größerer Wucht und dann steht man vor dem Spiegel und fragt sich: kenn ich die?
Ich bin jetzt 52 und dachte, ich bin aus dem Gröbsten raus und habe das Schlimmste hinter mir.
Und in gewisser Weise glaube ich das auch immer noch. Aber trotzdem kommen immer wieder Knaller daher, innere Themen, eine Krankheit, ein Problem, von dem ich nie gedacht hätte, dass es mal meins werden würde. Und es tut mir sehr leid, wenn ich meine geschätzten Leser*innen da jetzt ein wenig im Dunklen lassen muss. Meinen aktuellen Abgrund werde ich zu diesem Zeitpunkt zumindest nicht benennen – ich stehe selber noch kopfschüttelnd davor und verdaue die Aussicht.
Aber es spielt auch nicht wirklich eine Rolle, um welche Art des Abgrunds es sich handelt. Die Botschaft lautet einfach: ich dachte, es hört im Leben irgendwann mal auf, schwierig zu sein und ganz offensichtlich tut es das nicht. Zumindest bei mir scheint das nicht der Fall zu sein und das frustriert mich gerade über die Maßen.
Auf der Haben-Seite ist jedoch zu konstatieren, dass ich den Abgrund früh genug erkannt habe und nicht in Bausch und Bogen hinein gefallen bin. Und ich weiß auch, was zu tun ist, damit ich nicht hinein falle. Es ist nur einfach so, dass ich mich eigentlich vor nicht allzu langer Zeit darauf gefreut hatte, dass das Leben jetzt mal zum Genießen da ist. Ich dachte, jetzt kehrt mal Ruhe ein, ich bin angekommen, jetzt darf ich mich darum kümmern, meine kleineren Träume zu verwirklichen.
Stattdessen fühlt es sich an, als hätte mich jemand beim Mensch ärgere Dich nicht vierfach geschlagen und ich stehe auf Null und muss von vorne anfangen. Und wieder werde ich gezwungen, nach Innen zu schauen, mein Leben zu verändern und neues zu Lernen.
Dabei dachte ich, ich hätte klare Signale ausgesandt, dass ich keine Lernaufgaben mehr haben möchte. Wie gesagt, irgendwo hockt ein sehr „witziges“ Wesen und lacht über meine Pläne.
Aber vielleicht ist dieses Wesen auch meine Seele und sie hat sich zur Aufgabe gemacht, mir wirklich jeden Winkel und jede Ecke meines Seins zu zeigen. Das ist eigentlich wunderbar. Weil das der Weg zur Integration ist und zum Eins-Sein mit unserer Essenz. Dennoch frage ich mich langsam, was noch alles kommen mag und wie gesagt: ich könnte eigentlich mal Urlaub und Ruhe gebrauchen und hätte gerne mal wieder für längere Zeit das Flow-Gefühl, in dem es sich so herrlich leicht leben lässt, wenn es denn da ist.
Man sagt, die Seele bürdet einem nichts auf, was man nicht auch schaffen kann. Daran glaube ich und daran halte ich mich fest. Und bisher habe ich zumindest als Erwachsene immer die Unterstützung oder Auswege gefunden, die es gebraucht hat. Das finde ich zutiefst tröstlich und es stimmt mich etwas versöhnlicher, als es vielleicht heute in diesem Beitrag klingen mag.
Es gibt den Glauben, dass wir einen unversehrten Wesenskern in uns haben, der heil, vollkommen, voller Weisheit und verbunden mit der göttlichen Quelle ist. Was auch immer das Göttliche sein mag – das darf jeder für sich entscheiden. Manche nennen es auch den göttlichen Funken, den jeder in sich trägt. Ein Licht, das immer leuchtet, das unzerstörbar ist. Ich glaube, da ist was dran und ich glaube auch, dass wir daraus Lösungen und Wege ziehen können, sei der Schlamassel noch so groß.
(Ich bin nicht religiös und ich mag das Wort „göttlich“ eigentlich nicht, aber in Ermangelung eines anderen Begriffs benutze ich es hier für das Konzept einer nicht näher beschreibbaren und benennbaren universellen Quelle des Lichts und des Seins – von manchen All-Eins genannt.)
Mir hilft dieses Modell und vielleicht findet der ein oder andere Leser ja auch Trost darin. Wem es zu esoterisch ist, dem kann ich es auch übersetzen in: die Hoffnung stirbt zuletzt! 🙂
In diesem Sinne wünsche ich uns allen zu jederzeit Hoffnung. Und den Mut, in den Spiegel zu blicken und zu sagen: Ach, sieh an, das bin also auch ich.
Herzlich, Merle