Ghosts

Es gibt beim Drucken mit Linolfarben und Moosgummiplatten eine bestimmte Art des Drucks, die nennt man „Ghostdruck“. Ich versuche mal, das hier anschaulich zu erklären:

Im ersten Schritt wird eine Moosgummiplatte (ein weiches, flexibles Material) mit Linolfarbe bestrichen bzw. die Farbe wird darauf gewalzt.

Dann kann man ein beliebiges, flaches Objekt auf die farbige Platte legen, sagen wir als Beispiel: ein Farnstengel. Darauf legt man dann ein Blatt Papier. Man hat dann drei Ebenen oder Schichten und diese werden anschließend durch die Druckerpresse gewalzt. 

Im Ergebnis hat man auf dem Blatt Papier einen farbigen Hintergrund und da, wo das Farn lag, eine weiße Form. 

Ein Ghostdruck entsteht nun, wenn man die eben benutze Moosgummiplatte OHNE ein Objekt, nur mit einem Blatt Papier darauf, nochmals durch die Druckerpresse schiebt: was dann zu sehen ist, ist nämlich der Abdruck des Farns, der in der Platte beim ersten Druck entstand. Der Druck der Walze hinterlässt beim ersten Drucken Spuren auf dem Moosgummi und diese füllen sich dann unregelmäßig und dezent mit der Linolfarbe… so dass das Ergebnis beim zweiten Druck wunderschöne Farbverläufe und Schattierungen und Texturen sind, allerdings sehr dezent und schattenhaft – eben geisterhaft. 

Warum erzähle ich das? Weil ich heute gedruckt habe und auch Ghostdrucke angefertigt habe und dabei kam mir der Gedanke, dass unsere Gehirne wie Moosgummiplatten sind. Wir kommen mit unzähligen Nervenzellen im Gehirn auf die Welt, die noch nicht vernetzt sind. Die Prägung beginnt jedoch schon im Mutterleib und die gemachten Erfahrungen unserer Kindheit (aber auch später) ergeben neuronale Netzwerke, die umso stärker und kräftiger werden, je öfter wir eine Erfahrung machen. Doch das fiese ist ja, dass selbst, wenn irgendwann die Welt eine andere ist und wir neue Erfahrungen machen: die alten Geschehnisse haben ihren Eindruck hinterlassen und sind sichtbar und spürbar und wir leben noch entsprechend dieser Prägungen. So wie die Moosgummiplatte den „Eindruck“ des Farns trägt und man ihn sichtbar machen kann, so sind unsere neuronalen Netzwerke, also Verhaltensweisen, Denkmuster und Gefühlsautobahnen entsprechend geformt und wirksam. Wir rennen mit Ghosts durch die Gegend und sehen die Gegenwart durch die Brille der Vergangenheit und das kann mitunter kann schon viel Leid erzeugen.

Die gute Nachricht ist, dass es Neuroplastizität gibt. Das bedeutet, dass sich Nervenzellen ein Leben lang neu mit anderen Nervenzellen vernetzen können. Allerdings braucht es sehr viele ungestörte und positive neue Erfahrungen, bis diese auch virulent und wirksam werden. Die Druckerwalze des Lebens muss da schon oft drüber walzen, sozusagen.

Ich persönlich merke zum Beispiel, dass mein Nervensystem immer noch den Tagesablauf aus meiner Kindheit gespeichert hat. Es gab bestimmte Urzeiten zu denen bestimmte Dinge geschahen auf die ich emotional stark reagierte und diese Prägung ist bis mir heute erhalten geblieben. Ich würde gerne so handeln, als wäre diese Prägung nicht vorhanden, aber es ist schwer. Schutzmechanismen und Überlebensstrategien sind sehr starke neuronale Netzwerke, die nur mit viel Geduld und Zeit und korrigierenden Erfahrungen langsam aufgelöst bzw. ersetzt werden können. 

Und wieder finde ich den Begriff Ghostdruck hier so passend: der Geist der Kindheit wabert quasi immer noch herum und treibt sein Unwesen… 

Nun weiß ich natürlich, dass es Geister und Gespenster nicht gibt. Genauso, wie es die Umstände und Menschen aus meiner Kindheit nicht mehr gibt. Aber bis sich diese kognitive Erkenntnis im Nervensystem wiederfindet, das dauert. Und dauert. Und dauert…
Eine Moosgummiplatte kann man nach dem Druck übrigens abwaschen. Dann kann man sie mit neuer Farbe wieder benutzen. So leicht geht es mit unseren Gehirnen und Nervensystemen nicht. 
Es gibt von Eugene Ionesco den Spruch: „Wir glauben, Erfahrungen zu machen, aber die Erfahrungen machen uns.“ Ich denke, das trifft ziemlich genau die Art und Weise, wie sich unsere Gesamtpersönlichkeit über die Jahre formt. Und Konfuzius wird folgender Satz zugeschrieben: „Die Erfahrung ist wie eine Laterne im Rücken; sie beleuchtet stets nur das Stück Weg, das wir bereits hinter uns haben.“ Und sie wirft einen Schatten nach vorn…

Der Königsweg kann also eigentlich nur lauten: so präsent wie möglich im Hier und Jetzt zu sein und sich im Moment spüren und wahrnehmen. Sich selbst erkennen und gegebenenfalls gegen die eigenen Gefühle handeln, wenn ich weiß, dass sie dem Hier und Jetzt nicht angemessen sind.
Oder anders formuliert: der Lampe im Rücken kann man eine Stirnlampe beifügen: unsere Bewusstheit und Achtsamkeit. Und wir können natürlich jederzeit unsere guten und nährenden Erfahrungen als Ressource nutzen und die wunderschönen „Abdrücke“ bewundern, die diese hinterlassen haben. Schwieriger wird’s, wenn man wenig nährende Erfahrungen machen durfte… dann muss man sich selbst nachnähren. Und obwohl ich dieses Konzept als Zumutung empfinde, weiß ich doch, dass es richtig und gut ist. 

Im Buddhismus gibt es im Rad des Lebens sechs Lebensbereiche: Den der Götter, den der Halbgötter oder Titanen, den der Menschen und den der Tiere sowie das Reich der hungrigen Geister und das der heißen und kalten Hölle. Es heißt, dass die Wiedergeburt des Menschen am erstrebenswertesten ist, weil die menschliche Existenz es ermöglicht, die Lehre Buddhas zu kennen und nach ihr zu Leben und weil das menschliche Leid eine Art Motivation ist, Erlösung und Erleuchtung zu suchen. (Was bei den Göttern zum Beispiel fehlt. Ohne Leid keine Suche nach Erleuchtung…) Ich finde das irgendwie tröstlich. Auch wenn ich keine Buddhistin bin, leihe ich mir die Erkenntnis oder Auffassung, dass das Leid und der Schmerz der menschlichen Existenz eine Bedeutung und einen Sinn haben. Zumindest möchte ich das glauben. Wobei ich allerdings konstatiere, dass es mir persönlich langsam reicht an Leid, Sinn hin oder her. Vielleicht muss ich an meiner Erleuchtungsmotivation (das Wort kennt die Rechtschreibkorrektur nicht :-)) arbeiten? Ich weiß es nicht. 

Ich habe heute auch Linoldruck gemacht. Eine Technik, bei der Ghostdrucke nicht möglich sind, weil man nicht mit prägsamer Platte und Objekt arbeitet, sondern die Farbe direkt auf die feste Linolplatte aufgetragen und auf das Papier gedruckt wird. Das ist unmittelbar, direkt und ein bisschen holzschnittartig. Ich hatte irgendwann genug von den Ghosts. Ich wollte was eindeutiges, kräftiges, einprägsames… ein Ergebnis siehe oben.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen viele unmittelbare und direkte, positiv-korrigierende Erfahrungen, auf das die Synapsen neue, wohltuende Bilder speichern und die alten, nicht so schönen Erfahrungen langsam aber stetig immer mehr verblassen dürfen…

Herzlich
Merle

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