Spiritual Bypassing

Unter dem Begriff spiritual bypassing – zu Deutsch: spirituelle Abkürzung – versteht man das Umgehen oder Vermeiden von Konflikten, ungelösten Themen, aber auch Aggressionen oder unangenehmen Gefühlen mithilfe von spirituellen Glaubenssätzen, Praktiken oder sogenannten Wahrheiten. Ich habe Menschen kennengelernt, die diese Tendenz haben und bei denen alles Friede, Freude, Eierkuchen ist und die wie Teflon sind: nichts bleibt haften, alle prallt ab, Dissonanzen wird aus dem Weg gegangen. Diese Menschen sehen sich in der Regel gerne als vollständig „gut“ und „positiv“ und alles in der „Welt ist Liebe“. 

Mich bringt sowas über Kurz oder Lang auf die Palme, ich kann damit schlecht umgehen, weil ich es verlogen und unreif finde. Die Realität zugunsten spiritueller Ansätze auszublenden ist ja in Wahrheit das Unvermögen, mit ihr zurecht zu kommen. Kein Mensch ist nur gut und positiv, wir haben alle unsere Abgründe und dunklen Seiten und diese darf man sogar auch mal mit Humor sehen! Deshalb habe ich heute diesem Beitrag ein Foto von einem T-Shirt voran gestellt, das mich an spiritual bypassing erinnert. Es ist nicht von mir, es ist von einem klugen und witzigen Menschen, der es für „shirtinator“ entworfen hat. (Ein Online-Handel für bedruckte T-Shirts.) Ich habe es neulich zufällig entdeckt und musste es haben. Wer Yoga-Frauen kennt, die spirituelle Abkürzungen nehmen, weiß genau, was gemeint ist. 

Das fiese an spirituellem bypassing ist, dass es dem Gegenüber gerne das Gefühl vermittelt, „schlecht“ zu sein und nicht reif genug für spirituelle Einsichten. Mit atemberaubender Arroganz wird einem Aggression oder Bosheit vorgeworfen, wenn man berechtigte Kritik übt oder einen Konflikt klären möchte. Liebe wird missverstanden als Einheitsbrei und falsche Einigkeit, wo Differenzierung und gesunde Abgrenzung notwendig wäre. Toxischer Optimismus führt dazu, dass Konsequenzen und das Vorausschauen über anstehende Entwicklungen einfach ignoriert werden oder schön geredet werden. Erleuchtung erfährt, wer ganz in der Liebe ist. Naja. Also, ich bin jetzt keine Expertin in Erleuchtung, aber ich habe mich durchaus sehr viel Spiritualität und dem Thema Erleuchtung beschäftigt und ich bin für mich zu dem Schluss gekommen, dass die Überwindung menschlichen Leids und das Eins-Sein mit sich und dem All-Eins wohl eher nicht dadurch herbei geführt wird, dass ich die Augen vor mir und der Welt verschließe. Transformation bedeutet ja nicht, etwas wegzumachen oder wegzudenken oder mit Liebe zuzukleistern sondern es bedeutet, es wahrzunehmen, sich anzusehen und mit Mitgefühl anzunehmen. Dadurch kann Veränderung geschehen. Und dann bin ich immer noch kein Mensch, der überall nur Liebe sieht und spürt. Wenn ich Glück habe, ist es Mitgefühl. Vielleicht eine allumfassende Liebe zur Menschheit. Aber Liebe heißt dann immer noch nicht, dass alles gut und schön ist. Liebe blendet das Dunkle nicht aus, im Gegenteil. Liebe nimmt an, mit dem Dunkel und dem Unschönen.

Aber dafür braucht es Mut und die Fähigkeit, sich selber differenziert zu betrachten. Das ist nicht allen gegeben. Dann muss man alles ausblenden, was dem eigenen Idealbild vom Selbst widerspricht. Das stelle ich mir sehr anstrengend vor. Und in energetischer Sprache ausgedrückt, sind Menschen die so leben oft nicht sehr geerdet. Sie befinden sich meist in irgendwelchen irrlichternden Sphären, die wenig mit der weltlichen Realität zu tun haben und verklickern einem dann göttliche Einsichten. Sehr gruselig. 

„Ich war beim Yoga und hasse jetzt alle ein bisschen achtsamer“ ist einfach ein wunderbarer Satz der genau wiedergibt, was ich empfinde: Achtsamkeit und spirituelle Praxis (was Yoga in Indien früher war) schließen sogenannte „negative“ Gefühle nicht aus. Ich darf weiterhin alle doof finden, vielleicht sogar Hass empfinden! Dazu reicht es schon, morgens mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren! Kurz: ich darf menschlich sein. Ich darf genervt sein und mich über Dinge auch mal aufregen. Ich würde auch soweit gehen zu sagen: ich muss nichtmal Philanthrop sein um spirituell zu sein. Ich darf ein Miesepeter sein, wenn es mir gefällt. Einfach so.

Aber was soll ich sagen: ich bin halt doch eher der Tai Chi-Mensch. Mit Yoga hatte ich es nie so, trotz mehrfacher Versuche meinerseits, dem Ganzen was abzugewinnen. Und Tai Chi basiert auf Kampfkunst… Während Yoga eher statisch und haltungsorientiert ist, sind die Bewegungen im Tai Chi dynamisch und fließend… das entspricht eher meiner Mentalität. Womit man jetzt schneller zur Erleuchtung kommt, weiß ich nicht. Aber über eines bin ich mir sicher: der Weg dorthin sollte Spaß machen! 

Herzlich,

Merle

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