
Die virtuelle Realität ist eine komische, bizarre Welt. Einerseits gibt es so viele tolle Möglichkeiten, andererseits ist sie eine Sphäre der Illusionen, Halbwahrheiten und Täuschungen.
Mir wird das gerade wieder mal besonders bewusst, da ich mich in einem Forum zu einem bestimmten Thema austausche. Es ist ein lebendiger, niveauvoller, gut moderierter Austausch und ich kann dort viel von erfahrenen Usern lernen. Besonders spannend ist, dass viele Mitglieder des Forums Nicknames haben, die nicht erkennen lassen, welches Geschlecht sie haben. Manche verwenden Buchstabenkürzel, andere ausländische Namen, wieder andere den Namen einer Automarke… es ist bunt gemischt und man weiß also nicht, schreibe ich gerade mit Männlein oder Weiblein? Ich bemerke indes, dass ich aufgrund der Sprache sehr schnell eigene Schlüsse ziehe, ob jemand eine Frau oder ein Mann ist – und bin damit schon mehrfach falsch gelegen, wie sich herausstellte, wenn jemand doch mal erwähnte, ob er Mann oder Frau ist oder wenn es aus dem sprachlichen Kontext ersichtlich wurde.
Nicht dass es für das Thema eine große Rolle spielen würde, welches Geschlecht jemand hat. Das ist egal. Aber was mich irritiert, ist, dass ich mir ein Bild von einem Menschen mache, aufgrund der Sprache, das falsch ist. Und das betrifft nicht nur das Geschlecht. Ich habe mehr Sympathie für den einen und weniger für den anderen. Ich assoziiere Bildungsgrad, Stadt oder Land als Wohnort, Aussehen und anderes mehr, mit dem, was da geschrieben wird und teils auch aufgrund der Bilder der User oder Avatare, wie es glaube ich korrekter Weise heißt.
Aber eigentlich kenne ich niemand und habe keine Ahnung, mit dem ich mich da, teils doch recht persönlich austausche. Und ich komme mehr und mehr in eine Ambivalenz: einerseits lädt gerade die Anonymität dazu ein, persönliche Dinge zu erzählen, wenn sie dem Thema dienlich sind; andererseits schrecke ich davor inzwischen zurück, weil mir eben bewusst geworden ist: wer auch immer da irgendwo am Rechner sitzt und schreibt, ich weiß nicht, wer das ist. Vielleicht ist der Typ ein Vollkoffer und hat nur zu dem Thema ein paar gute Gedanken? Oder es taucht in mir die Frage auf: ist das jetzt angemessen, so herzlich zu reagieren, vielleicht ist die Frau in echt eine dumme Nuss? Was weiß denn ich, wieviel Wahrheit und wieviel Fiktion da vielleicht auch dabei ist?
Es fehlen ja ganz entscheidende Signale der Körpersprache, anhand derer wir Menschen üblicher Weise ablesen und entscheiden, ob jemand vertrauenswürdig ist oder nicht.
Es ist wirklich verrückt, sich Menschen nah zu fühlen, die ganz weit weg und die große Unbekannte sind. Bei allen Vorteilen und bei allem Nutzen, den die Internetforen bieten, so ist es doch etwas, das mir zuwider ist. Es ist zu dezimiert, zu reduziert und eingestampft auf das geschriebene Wort… da fällt es mir schwer, zu vertrauen. Heute habe ich zum Beispiel eine Reaktion auf einen Post von mir bekommen, die ich grundsätzlich gut fand. Sie war sehr kantig und resolut formuliert, aber durchaus nicht unangemessen. Ich bedankte mich bei dem Schreiber für seine Hinweise und Gedanken und dachte danach: vielleicht ist der Mensch in der gelebten Realität ein echter Arsch. Und schlimmer noch: wenn der mit mir persönlich so gesprochen hätte, in entsprechendem Ton, hätte ich mich nicht bedankt sondern wäre aufgrund der strikten, strengen Art zurück geschreckt und hätte Reißaus genommen. Doch was einem per Chat-Text serviert wird, darf offensichtlich mehr. Zumindest bei mir.
Ihr merkt es schon, ich bin verwirrt und mir fehlt da ein wenig die Orientierung. Auf was kann ich mich in so einem virtuellen Raum wirklich verlassen und wem kann ich vertrauen. Meine Antwort ist: niemandem. Das gefällt mir nicht. Und doch ist es natürlich so, dass davon auszugehen ist, dass die meisten Mitglieder dort recht ehrlich und realistisch schreiben, was ihnen so widerfahren ist und wie sie so damit umgehen etc… es macht eigentlich keinen Sinn, da groß Geschichten zu erfinden oder sich als Münchhausen den Abend zu vertreiben… aber weiß man es?
Ich bin offensichtlich altmodisch. Ich brauche Signale wie die Pupillengröße, Mimik und Gestik, um entscheiden zu können, ob ich mich jemandem anvertraue oder nicht. Deshalb habe ich bisher auch nur sehr wenig von mir Preis gegeben und auch das wenige so formuliert, dass man daraus nichts ableiten kann. Aber das ist auch anstrengend. Und bei aller Freude die es bereitet, Feedback im Forum zu erhalten: ich will mich mit ganzen Menschen unterhalten und nicht auf den Bildschirm starren!
Ja, so ist das. Ich werde scheinbar doch alt und bin für vielen neumodischen, informationstechnologischen Kram einfach zu unflexibel. Auf der anderen Seite bin ich vielleicht einfach zu bewusst und zu schlau für virtual reality? Eine Freundin erzählte mir von einer Brille, mithilfe derer man dreidimensionale Spiele spielen kann und das fühlt sich dann alles echt an was man da sieht und man kann da auch in ferne Länder mit Reisen und was weiß ich nicht noch alles. Zombie-Games gibt’s natürlich auch… Ich winkte ab und lehnte die Einladung, das Ding mal zu probieren, dankend ab. Mir reicht schon die eine Realität, mit der ich klarkommen darf, da brauche ich nicht noch eine virtuelle. Ich glaube man merkt deutlich, dass ich da auch eine Menge Vorurteile habe und eine große Abwehr spüre.
Was das Forum angeht: neulich habe ich irgendwo in einem thread zufällig gelesen, dass es wohl ein Treffen von Mitgliedern in der materiellen Welt gab. Das fand ich dann richtig gut und unterstützenswert. Sollte so etwas mal wieder stattfinden und ich noch dort aktiv sein, würde ich da hinfahren, insofern es nicht am anderen Ende Deutschlands ist. Natürlich mit dem Risiko, massiv enttäuscht, entsetzt – oder aber freudig überrascht zu werden.
Es ist ein Zeichen von emotionaler und geistiger Reife, wenn man Ambivalenzen aushalten kann. Diese Fähigkeit trainiere ich gerade sehr intensiv. Ich hoffe, das kommt mir irgendwann zugute 🙂
In diesem Sinne wünsche ich uns allen gute und hilfreiche Erfahrungen mit der virtuellen Realität – und immer die nötige Urteilskraft um zu erkennen, was wo angemessen, was nützlich und was überflüssig oder gar schädlich ist.
Herzlichst
Merle